Die Vorbereitung für die ersten zwei Weltcuprennen der Saison war denkbar ungünstig. Das Resultat umso erfreulicher. Ein dicht gedrängtes Programm, mentale und physische Herausforderungen und die volle Bandbreite an Emotionen prägten den Weltcupauftakt in Cerro Catedral.
Unerwartete Planänderung
Smartphones vibrieren in unseren Jackentaschen, ein Blick auf den Bildschirm, Neuigkeiten im WhatsApp Teamchat: Planänderung. Aufgrund der der schlechten Wetterprognose für Donnerstag findet bereits morgen Mittwoch das Training statt. «Zum Glück sind wir schon auf dem Weg nach Bariloche», meint Jerôme. «Genau, seit sieben Stunden eingequetscht zwischen Gepäckstücken und Teamkollegen im langsamsten Minibus der Welt.», ergänzt Sandra. «Wollen wir wetten, wann wir ankommen?», schlägt Kalle vor. «Um 20 Uhr, pünktlich zum Znacht.», meint Nick optimistisch. «Nicht vor Mitternacht.», hält sein Bruder Tim dagegen.
Im Normalfall findet am Tag vor dem offiziellen Training auf dem Weltcupkurs ein Streckentest statt. Für uns hätte dies einen Pausentag nach der Reise von Chile zurück nach Argentinien bedeutet. Wir wussten mittlerweile, dass das Reisen mindestens so anstrengend wie das eigentliche Training war. Mit der Planänderung mussten wir kurzerhand umdisponieren und die Pause um einen Tag verschieben.
«Tim hatte Recht, es ist kurz vor Mitternacht», verkünde ich den Gewinner unserer Wette.
Konzentrierte Besichtigung statt Trainingsfahrten
«Da kommen wir Frauen höchstwahrscheinlich nicht drüber.», sage ich zu Sandra. «Nie im Leben.», befürchtet sie. Die Strecke ist an zwei bis drei Stellen so gebaut, dass kaum eine Frau genug Geschwindigkeit hat, um die Landung der Sprünge zu erreichen. Vor dem Hintergrund meines kürzlichen Sturzes auf den Kopf, der energieraubenden Reiserei und der Streckenführung entscheide ich mich, das Training mehr oder weniger auszulassen. Eine konzentrierte Besichtigung und ein paar Starts müssen reichen. Korrekturen am Kurs sind offensichtlich nötig und so kann ich meine Kräfte mit gutem Gewissen für die Renntage sparen.
Auf und Ab mit einem guten Ende
Neuer Tag, neues Glück. Die Sesselfahrt hoch zum Start gleicht einer emotionalen Achterbahn. In meinem Kopf herrscht ein Chaos von Vorfreude, Anspannung, Angst. Nach so langer Zeit weg vom Weltcupfenster, freue ich mich riesig auf die Quali. Aber kann ich das? Bin ich bereit, mich den Kurs runterzuwerfen, über die Sprünge zu segeln, mit hoher Geschwindigkeit auf eine Wellenbahn hinzurasen? Ohne Erwartungen an ein bestimmtes Resultat gebe ich mich ins Rennen. Die anfängliche Anspannung und Angst löst sich bald. Der Boardercross geht wunderbar auf. Ich habe Freude! Irgendwie gelingt es mir, diese Lockerheit den ganzen Tag aufrecht zu halten. Meine erste Qualifahrt ist alles andere als perfekt, aber sie ist schnell. Als 13. qualifiziere ich mich nur um ein paar Hundertstel nicht direkt für die Finals*. Mein zweiter Lauf ist noch einmal deutlich besser und so stehe ich mit dem 15. Rang aus der Qualifikation in den Finals.
Viel Freude am ersten Rennen
Für den ersten Finaltag knüpfe ich am Gefühl vom Vortag an. Im Training mische ich mich als einzige Schweizer Frau am Start für je einen Lauf unter die fünf Französinnen und danach die Kanadierinnen. Eine bessere Vorbereitung für die Heats hätte ich mir an dem Morgen nicht wünschen können. Im letzten Jahr kam ich kaum zu Fahrten mit Frauen. Im Schweizer Team fehlen mir Trainingspartnerinnen und meine Rennpraxis der letzten zwei Winter ist denkbar gering. Umso erfreulicher ist es, dass ich in beiden Trainingsläufen und im ersten Finallauf gut mit meinen Konkurrentinnen mithalten kann.
«Gratuliere, gut gefahren!», Karin, unsere Physiotherapeutin, gibt mir ein High Five. «Ich bin sehr zufrieden mit meinem Tag. Am Schluss hat eine Brettlänge zu Alexandra Jekova gefehlt, um eine Runde weiterzukommen. Aber was soll’s. Ich hab mein Bestes gegeben und bin dabei.», ziehe ich mein Fazit. Der 13. Schlussrang ist für mich weniger wichtig als das gute Gefühl und Selbstvertrauen, das ich an diesem Rennen tanken kann.
Ein harter, zweiter Renntag
Noch vor Sonnenaufgang kurvt ein Car voller Boardercross Athleten die Strasse von Bariloche ins Skigebiet Cerro Catedral hoch. Das zweite Weltcuprennen wird an einem Tag ausgetragen. Training, Qualifikation, Finals. Männer und Frauen zusammen. Es gibt zwei kleinere Änderungen auf der Strecke und das Rennformat wurde am Vorabend beim Team Captain’s Meeting von 6er auf 4er Heats zurückgestuft. Die Gründe dafür bleiben unklar.
Noch selten bin ich mit derart müden Beinen in den Tag gestartet. Doch meine Vorfreude hilft mir über die Müdigkeit hinweg. Von Angst und Anspannung ist keine Spur mehr übrig. Zwei Trainingsläufe, zwei Qualiläufe, wieder der 15. Zwischenrang. Das zweite Rennen beginnt wiederum gut. In meinem Viertelfinallauf fahre ich beherzt, kämpfe mit der engen Kurssetzung in den Kurven und finde keinen Weg an meinen Gegnerinnen vorbei. «Am Schluss fehlte die Kraft. Ich hab’s versucht, aber da ging nichts mehr.» Ein High Five für den 15. Schlussrang gibt’s auch heute. «Gute gekämpft. Du hast eine konstante Leistung gezeigt die letzten Tage. Gratuliere!», Karin freut sich auch heute mit mir.
La vida argentina zum Abschluss
Ein gutes, argentinisches Stück Fleisch vom Grill, etwas Rotwein und die ausgelassene Stimmung in einer winzigen Bar im Zentrum der Stadt sind der passende Abschluss der intensiven letzten Tage. Viele Weltcup Teams reisen am nächsten Tag nach Hause.
Wir bleiben für eine kleine Zugabe, immer schneewärts.
*Seit einiger Zeit qualifiziert sich die Hälfte der Finalteilnehmer nach dem ersten Lauf direkt für die Heats. Diese Fahrer müssen keinen zweiten Qualilauf mehr fahren. Bei einer 6er Heat Rennen mit 24 Frauen kommen die schnellsten 12 aus der ersten Runde weiter. (4er Heats mit 16 Frauen —> Top 8 aus dem ersten Lauf sind weiter).